Gilt die „tl;dr“-Regel wirklich?

TL;DR, also einfach „too long; didn’t read“ („zu lang, nicht gelesen“), ist eine sehr verbreitete Internet-Abkürzung, die im Gegensatz zu langen und anspruchsvollen Inhalten steht. Aber haben wir wirklich ein Problem mit der Lesekultur im Netz?

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TL;DR – Definition

Obwohl TL;DR wie eine relativ neue Abkürzung wirkt, wurde sie bereits 2003 ins Urban Dictionary aufgenommen. Urban Dictionary ist ein Online-Wörterbuch, das unterschiedlichsten Slang, Abkürzungen und Wendungen erklärt, die für viele Internetnutzer*innen unklar sein können. Was TL;DR betrifft, ist es allerdings schwer zu sagen, wer diese Abkürzung erfunden und wer sie im Internet populär gemacht hat. Laut der Seite Miejski (dem polnischen Pendant zum Urban Dictionary) bedeutet TL;DR genau:

Die englische Abkürzung für „Too long; didn’t read“, was „zu lang, nicht gelesen“ bedeutet. Man verwendet sie, wenn etwas zu lang und langweilig ist, um es lesen zu wollen, oder wenn man in wenigen Worten eine Zusammenfassung seines Textes markieren möchte.

Nutzerinnen sozialer Netzwerke verwenden den Ausdruck gerne, um gefundene Posts ironisch zu kommentieren. Auch Creatorinnen greifen häufig zu dieser Abkürzung in ihren Inhalten, um zu signalisieren, dass ihr Text mehr Zeit und Aufmerksamkeit erfordert als gewöhnliche Inhalte.

TL;DR – Anwendungsbeispiele

Das Akronym TL;DR wird häufig von Nutzer*innen sozialer Medien verwendet. Hier sind einige Beispiele für Situationen, in denen es im Internet am häufigsten eingesetzt wird:

  • während politischer Diskussionen, die immer länger und anstrengender werden – besonders für Nutzer*innen, die sich nicht aktiv an der Debatte beteiligen
  • als Kommentar zu langen Materialien, die problemlos kürzer und übersichtlicher hätten geschrieben werden können
  • als Antwort auf lange Beiträge, die keinen Mehrwert bieten und im Grunde als Spam wahrgenommen werden
  • am Anfang eines Posts, um die Leser*innen vorab darauf hinzuweisen, dass der Text umfangreich ist

TL;DR und Marketing

Es lohnt sich, TL;DR auch aus einer Marketing-Perspektive zu betrachten. Interessieren sich Nutzerinnen überhaupt für längere Texte? Und was ist mit Bloggerinnen, die fachliche Inhalte vermitteln möchten, die sich nicht immer in ein paar Sätzen zusammenfassen lassen? Entgegen der weit verbreiteten Meinung steht es um unsere Lesebereitschaft im Netz gar nicht so schlecht! 🙂 Und viele Menschen, die aktiv im Internet unterwegs sind, handeln häufig genau entgegen dem TL;DR-Prinzip.

 

TL;DR: Spielt die Länge eine Rolle?

In Zeiten von sozialen Medien, Memes, GIFs oder kurzen Videos merken wir oft nicht, wie stark wir unsere Botschaft verarmt haben. Obwohl es uns auf den ersten Blick so scheint, als könnten wir den Kern einer Aussage in einem einzigen Satz oder einer Grafik unterbringen, ist das häufig kein ausreichender Träger.

Die Länge von Texten ist ein umstrittenes Thema, und viele Menschen, die sich mit Content Marketing beschäftigen, können nicht eindeutig sagen, wie umfangreich ein idealer Text sein sollte. Letztlich hängt jedoch alles von der Besonderheit unserer Online-Kommunikation ab und davon, wie wir sie gestalten.

 

tl;dr-Beitrag auf Facebook – Janina Daily
Im Fall von Janina Daily scheint TL;DR keine Daseinsberechtigung zu haben 

Natürlich kann man auch längere Inhalte erstellen – vorausgesetzt, die Leser*innen sind daran gewöhnt. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass Facebook kein Ort für lange Geschichten ist, aber zum Beispiel erzielen die langen Beiträge von Janina Daily große Reichweiten und animieren ihre Fans zur Diskussion.

tl;dr-Kommentare auf Facebook – Janina Daily
Auch längere Inhalte können Leser*innen interessieren!

Kommend wir zurück zur Frage vom Anfang: Ja, die Länge spielt eine Rolle, denn sie muss zum Inhaltstyp passen, den wir unseren Leserinnen und Lesern liefern. Eine Fanpage mit lustigen Katzenbildern wird uns eher keine komplexen Geschichten servieren – und das ist auch völlig in Ordnung! Denn die Nutzer*innen schauen dort nicht vorbei, um von den Abenteuern der Autorin oder des Autors auf dem Weg zur Arbeit zu erfahren. 🙂

TL;DR – Umfang und Qualität

Selbst der längste Text kann den Leser interessieren, solange er wertvoll und spannend ist. Lange Artikel oder Beiträge haben – wenn sie durchdacht und klar geschrieben sind – mit Sicherheit einen größeren Wert als eine kurze Darstellung eines bestimmten Themas. Indem wir umfangreichere Inhalte erstellen, investieren wir mehr Arbeit und Aufmerksamkeit, was zu einem größeren Interesse der Leser beitragen kann. Sie können uns als Experten auf einem bestimmten Gebiet wahrnehmen und den von uns bereitgestellten Inhalten vertrauen.

Natürlich bedeutet das nicht, dass kürzere Texte Nutzer nicht interessieren können! Ganz im Gegenteil! Es lohnt sich auch, daran zu denken, dass das Erstellen eines inhaltlich kürzeren Textes ebenfalls eine schwierige Aufgabe ist, weil wir dann den gesamten Kern in nur wenigen Sätzen vermitteln müssen – so, dass der Sinn und der Kontext unserer Botschaft darunter nicht leiden.

tl;dr-Beitrag auf Facebook – Motheratorka
Wichtige Informationen lassen sich manchmal in nur wenigen Sätzen vermitteln!

Man sollte bedenken, dass – entgegen der verbreiteten Meinung – nicht die Länge des Textes am wichtigsten ist, sondern seine Qualität! Du kannst sowohl in zehn als auch in hundert Sätzen interessante, inhaltlich fundierte Inhalte erstellen. Den Leser kann man nicht nur durch den Umfang abschrecken, sondern auch dadurch, dass ein Thema nicht ausreichend erschöpfend behandelt wird!

Wann sagen Leser „tl;dr“?

Darauf gibt es keine eindeutige Antwort, denn alles hängt von mehreren Faktoren ab, unter anderem davon, wie viel Zeit der Leser zum Lesen hat, in welcher Situation er sich gerade befindet oder ob der jeweilige Inhalt seine Konzentration erfordert. Wenn wir morgens mit Kopfhörern in den Ohren im Bus fahren, werden wir eher keinen Artikel über die größten Fehler lesen, die wir bei der Ernährung machen.

Oft schreckt uns schon der Call to Action selbst ab, die Notwendigkeit, die Seite zu wechseln (weiterlesen) oder den Text auszuklappen, z. B. auf Facebook (mehr anzeigen). Wir mögen es nicht, uns zusätzliche Schritte aufzuerlegen, deshalb verzichten wir häufig darauf, die Lektüre fortzusetzen, wenn wir sehen, dass von uns irgendeine Aktivität verlangt wird.

 

Können wir „tl;dr“ vermeiden?

„Too long, didn’t read“ ist ein völlig natürliches Verhalten von Lesern, deshalb können wir es nicht vollständig eliminieren. Es lohnt sich jedoch, die folgenden Hinweise zu nutzen:

  • Versuche, die Länge des Textes an deine Leser anzupassen – du wirst sicher ein Gefühl dafür entwickeln, welche Inhalte für sie attraktiver sind,
  • wenn du einen umfangreicheren Beitrag erstellst, denke an Absätze und Grafiken dazwischen, damit er für die Leser ansprechender ist,
  • auch kürzere Texte können inhaltlichen Wert haben – nicht die Menge zählt, sondern die Qualität!
  • selbst längere Inhalte lassen sich optimieren: Vermeide lange, verschachtelte Sätze, übertreibe es nicht mit Fachterminologie und zeige, dass jeder das jeweilige Thema verstehen kann.

Wenn du dich immer noch fragst, ob deine Content-Kommunikation für Leser attraktiv ist, hab keine Angst, sie danach zu fragen! Schließlich gilt: Wer fragt, irrt nicht! 🙂

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